karla23
02.07.2021 22:36 · Príspevkov: 2425
Die Pflegenden in Österreich werden zwar nun versichert und angemeldet - aber als Selbständige haben sie keinen Anspruch auf Überstunden oder Entlohnung von Bereitschaftszeiten. Die Stellen werden über Agenturen vermittelt, die die Preise festlegen. Die Tagessätze der Pflegenden variieren zwischen 50 und 80 Euro brutto. Die Ausgaben der Betreuten - 2400 bis 3000 Euro im Monat - werden bei niedrigem Einkommen vom Staat gefördert.
Arbeitnehmer oder Unternehmer?
Gerade in Deutschland wird Österreich oft als Vorbild genannt: "Betreuung in häuslicher Gemeinschaft ist durch klassische Arbeitsverträge meist nicht darstellbar", sagt Daniel Schlör, Vorsitzender des deutschen Bundesverbandes für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), der die Vermittlungsagenturen vertritt. "Unser Rechtssystem bietet für das Leben und Arbeiten an einem Ort derzeit keine Lösung. Wir brauchen dringend eine Alternative wie in Österreich."
Wolfgang Mazal, Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien, sieht dagegen im österreichischen Modell "kein Vorbild" für Deutschland: "Wenn man weisungsgebunden ist", wie es die Betreuerinnen in den Haushalten von Senioren seien, "dann ist man Arbeitnehmer, kein Unternehmer", erklärt Mazal und verweist auf eine Entscheidung des österreichischen Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 2011, der Pflegetätigkeiten ähnlich einstuft. "Ich finde es skandalös, dass eine höchstrichterliche Entscheidung zu diesem Thema ignoriert wird", kommentiert Mazal. Er verfolgt aufmerksam die deutsche Debatte und findet, dass auch in Österreich Klagen von Betreuenden "in der Luft hängen".
Betreuende haben noch viel Arbeit vor sich
In der Schweiz hat sich der Weg über die Gerichte für die Betreuenden ausgezahlt. Jetzt passen die Pflegenden ihre Strategie an: "Wenn wir früher von Ausbeutung am Arbeitsplatz erfuhren, haben wir bis zum Ende der Vertragszeit gewartet und sind dann vor Gericht gezogen", berichtet Elvira Wiegers von der Gewerkschaft vpod. Jetzt stelle das Netzwerk "Respekt" auf Aufklärung und Schulung um: "Wir wollen, dass die Frauen von Anfang an wissen, was ihre Rechte sind und wie sie diese einklagen können."
Das wird wohl noch lange nötig sein, denn die Pflegebranche macht sich die Lohngefälle in Europa zunutze. Um Kosten zu drücken, wird in immer mehr ärmeren Ländern nach Arbeitskräften gesucht, die bereit sind, Senioren rund um die Uhr zu betreuen. Csilla hat das auch in Österreich beobachtet: "Zuerst waren es Frauen aus Tschechien und der Slowakei, dann Rumäninnen und Bulgarinnen, jetzt suchen die Firmen Pflegepersonal in der Republik Moldau und der Ukraine."